Exkurs: Fehlgeburt, Abtreibung, Geburt

Veröffentlicht am 19. Dezember 2025 um 11:30

Wenn es um Kinder geht, geht es häufig um Themen wie Erziehung, Ernährung, Kindergarten, Schule, Entwicklungsprobleme, Krankheiten, sehr häufig um Geburten, wenn auch nicht im Einzelnen, manchmal um Fehlgeburten, wenn auch nur peripher, aber fast nie um Abtreibung. Ich selbst kann von allem berichten. Ich habe die zähen Stunden einer Geburt erlebt, ich habe die tieftraurige Leere einer Fehlgeburt gespürt und ich habe die demütigende Tortur einer gewollten Abtreibung überstanden. 

 

Niemand will scheinbar wissen, wie Frauen empfinden, wenn sie befreit sind von der tonnenschweren Last eines nicht gewollten Zellbündels im Körper. Aber fast alle sind sich darin einig, dass Frauen verurteilt gehören, wenn sie sich befreit fühlen von einer Last, die schwerer wiegt als ein schlechtes Gewissen. Ich habe bisher nicht vielen Menschen von meiner Abtreibung erzählt. Mittlerweile tue ich es. Aber nur, weil ich ein Kind habe, und damit meine vermeintlich diabolische Entscheidung „entschuldigt“ wird von der Gesellschaft. Hätte ich kein Kind, würde ich vermutlich schweigen und für immer eine „Mörderin“ oder „Sünderin“ im Geheimen bleiben. 

 

Und ich frage mich ernsthaft, warum eigentlich ist das so? Warum immer noch, nach all den Jahren der Frauenrechtsbewegung, des Kampfes um Gleichbehandlung und Gleichstellung, der vielen Debatten um das Recht am eigenen Körper, der fortschreitenden medizinischen Möglichkeiten und dem Ausbruch der Frau aus der starren Rolle als Gebärende? Warum kann ich nicht erzählen von meiner Abtreibung wie ich zum Beispiel erzähle von einem Job, den ich abgelehnt habe, von einer Wohnung, die ich nicht angemietet habe, von einem Mann, den ich nach einigen Treffen nicht mehr gedatet habe, von einer Heirat, die ich bereut habe? Warum kann ich von meiner Abtreibung nicht erzählen wie ich von all den anderen Dingen des Lebens erzähle? Warum scheint es das Schlimmste auf dieser Welt zu sein, wenn Frauen abtreiben lassen, wenn doch jeden Tag tausende Frauen missbraucht, misshandelt, bedroht, gefoltert und getötet werden? Welcher moralische oder patriarchalische Kodex steckt hier dahinter? Und wieso ist der so allmächtig? 

 

Jedes Leben gehört geschützt. Nur warum darf ich nicht mein eigenes zuerst schützen? Nicht vor einem kleinen schreienden Wesen, sondern vor Fremdbestimmung und vor den Hürden, die Mütter zwangsläufig immer zu bewältigen haben. Ich bin auf der Seite einer jeden Frau, die aus ihrer freien Entscheidung heraus abtreiben lassen hat und abtreiben lassen will. Ich habe damals völlig naiv nach einem Arzt gesucht, der die Abtreibung durchführt, um zu erkennen, wie Frauen diffamiert werden, wenn sie auch nur das Wort „Abtreibung“ in den Mund nehmen. Nie vergesse ich die Worte, die mir eine Klinikangestellte empört am Telefon entgegen schleuderte: „Abtreibung? SOWAS machen wir nicht!“

 

SOWAS? Ist es also nur ein „Sowas“, wenn ich entscheide, kein Kind gebären zu wollen. Weil ich es nicht haben wollte, nicht zu dieser Zeit, nicht in dieser Lebenssituation. Weil ich verhütet hatte, es aber trotzdem passierte, was ich nicht wollte. Warum ist die Medizin eigentlich so weit fortgeschritten, dass ungewollt schwangere Frauen heute eben nicht mehr mit dem Angelhaken in der Gebärmutter herumkratzen und ihr Leben riskieren müssen, aber trotzdem bei diesem medizinischen Eingriff derart gehatet und mundtot gemacht werden, wie es bei fast keinem Kriminellem sonst der Fall ist? 

 

Ich stelle mir diese Fragen immer wieder, wie so viele andere Frauen auch, die still und leise in ihren Kammern ihr Abtreibungsgeheimnis für sich bewahren. Diese Hexen!, hätte man früher, zu einer anderen Zeit, geschrien. Auf den Scheiterhaufen mit ihnen! Aber wir, die abtreiben lassen, sind keine Hexen. Wir sind Menschen, keine Gebärmaschinen. Wir sind auch keine Mörderinnen, denn wir reißen nicht jemandem aus seinem Leben, wenn wir uns dazu entscheiden, kein Leben entstehen zu lassen. Wir übernehmen Verantwortung für diese schwierige Entscheidung. Denn auch, wenn eine Abtreibung gewollt ist, sie hinterlässt Spuren. Wir sind es, die mit den Konsequenzen, dem Schmerz und dem Verlust leben müssen. Nicht die, die urteilen. Wir Frauen allein sind es. 

 

Ein Leben entstehen lassen, ist komplex. Der Weg zu meinem gewünschtem Einzelkind war holprig und lang. Zuerst wollte ich überhaupt gar keine Mutter werden. Später war ich nicht mehr sicher. Und dann kam sowieso alles ganz anders. Als ich das erste Mal schwanger war, blickte ich voller Entsetzen die zwei roten Striche auf dem Schwangerschaftstest an. Das war nicht, was ich zu diesem Zeitpunkt wollte. Alles in mir rebellierte. Ich war unglücklich verheiratet, verliebt in einen anderen Mann und nicht im Geringsten bereit, alleinerziehend ein Kind großzuziehen. Dann sah ich in in der Frauenarztpraxis den Herzschlag auf dem Monitor. Ein kleiner weißer Fleck, der wackelte. Bis dahin hatte ich nie etwas Schöneres gesehen. Nichts hatte mich vorher so fasziniert und geflasht. Ich kriege es, entschied ich, und ging überschwänglich, mutig und zuversichtlich und voller Glücksgefühle nach Hause. Ein paar Wochen später, bei einer erneuten Kontrolluntersuchung, sagte die Frauenärztin, nachdem ich gefühlt Stunden auf den Monitor blickte und vergeblich nach Bewegung suchte, recht emotionslos: „Nein, da ist nichts mehr. Warten Sie auf den Abgang.“

Ah. Ach so. Abgang? What?! Hä? Wie denn jetzt? Ich verstand es nicht. Ich verstand, dass ich wohl kein Kind kriegen würde. Aber ich verstand nicht, warum? „Ja, so ist das. Passiert oft. Nicht ungewöhnlich“, sagte die Ärztin kühl. Ihr war es einfach egal. Tot, das kleine weiße Fleckchen, das meine ganze Gefühlswelt auf den Kopf gestellt hatte. Es trieb leblos in meiner Gebärmutter herum. Voller Scham ging ich nach Hause, unfähig, zu realisieren. 

 

Wo waren in diesen Tagen die ganzen Besserwisser, die verbal auf die Abtreiberinnen einprügeln, haben sie auch Worte für die Frauen, die plötzlich komatös darauf warten müssen, dass eine Sturzblutung einsetzt? Damit das Zellhäufchen wie ein Kothaufen rausgedrückt und die Toilette hinuntergespült werden kann. Darauf zu warten ist wie Warten auf Godot. Es passiert nichts Gutes. Aber das interessiert die ganzen Abtreibungsgegner nicht. Die ganze Welt hat etwas zu sagen, wenn du als Frau abtreiben lässt. Bei einer Fehlgeburt sind alle ganz ruhig. Wo sind aber da die Worte, die sonst so laut herausgebrüllt werden? Ich fühlte mich wie eine Versagerin, eine Kindsmörderin, einer richtigen Frau nicht mehr würdig. Was hatte ich überhaupt falsch gemacht? Was falsches gegessen? Mich falsch bewegt? Zu wenig geschlafen? Zu schwer gehoben? War ICH letztlich falsch? Zwei lange nicht enden wollende Wochen wartete ich darauf, dass etwas passierte. Warten auf das Blut. Nichts kam. Nichts passierte. Mein Leben stand still. Wie eine Hülle ging ich meiner Routine, inmitten der besinnlichen Adventszeit, nach. Niemand merkte etwas. Wie gut Frauen im Aushalten, im Ausharren, im Anhalten von Schmerz sind. 

 

Nach der ganzen Warterei blieb es mir jedenfalls nicht erspart, ich musste ins Krankenhaus gehen. Erneuter Ultraschall dort. Nochmal den Satz über mich ergehen lassen: „Da lebt nichts mehr.“ Untermauert mit einem Kopfschütteln. Ich bekam einen Termin für die operative Ausschabung. Einen Tag vor Silvester. Hurra! Am Morgen der Operation durfte ich zunächst Stunden in einem Krankenzimmer verbringen mit einer frisch gewordenen Mutter. Eine Zumutung. Doch keinen interessierte es. Das Neugeborene schrie immer wieder. Ich bekam kein Baby in den Arm gelegt, nur eine Tablette auf die Hand, damit endlich eine Blutung einsetzt. Ja, genau. Wir Frauen warten unser halbes Leben lang darauf, dass Blutungen einsetzen. Nach der Ausschabung war ich leer, im wahrsten Sinne. Die Gebärmutter und mein Kopf waren so ohne Leben, dass ich ab da Monate brauchte, um die zermürbenden Gedankenkreise ziehen zu lassen. 

 

Irgendwann ist es gut gewesen. Ich habe Bücher gelesen, mir das Hirn zermartert, mich in Traurigkeit verloren, Hilfe in online-Foren zu dem Thema gesucht, die Pille nicht mehr genommen, um schnellstmöglich wieder schwanger zu werden und die Leere zu füllen. Aber zum Großteil habe ich geschwiegen. Ich wünsche mir, die Gesellschaft würde mehr darüber reden, im Allgemeinen und vor allem mit den betroffenen Frauen. Ich wünsche mir, Frauen, die Fehlgeburten erleiden, würde mehr Gehör finden und mehr Mitgefühl. Fehlgeburten werden schrecklich totgeschwiegen. Ärzte tun es als etwas Belangloses ab, das in der Natur der Fortpflanzung liegt. Die Gesellschaft tut es als etwas Verwerfliches ab, über das man am besten nicht spricht, weil es die nicht Betroffenen beschämt oder überfordert. Aber Fehlgeburten sind sehr schmerzliche Verlusterfahrungen. Auch am Anfang einer Schwangerschaft. Und keine Frau, die eine Fehlgeburt erleidet, empfindet dabei etwas Natürliches. 

 

Eine Fehlgeburt ist traumatisch. Sie hat mich regelrecht eine zeitlang seelisch zerfressen. Aber sie ist auch ein Teil des Kreislaufs des Lebens. Eine Abtreibung ist genauso traumatisch, wenngleich sie auch ein künstlicher Eingriff in den natürlichen Kreislauf ist. Für mich war sie eine Befreiung. Und ich bin mehr als dankbar, dass ich zumindest gesetzlich und medizinisch die Möglichkeit bekommen habe, es ohne strafrechtliche und körperliche Folgen durchführen zu lassen. Warum ich außerdem dankbar bin? Nun, mal abgesehen davon, dass ich nicht irgendeine Angelrute in meinen Körper einführen musste, die mir meine Gebärmutter zerkratzt (wie es tausende Frauen zu einer anderen Zeit tun mussten), mal abgesehen davon, dass ich nicht im Gefängnis lande, weil ich abgetrieben habe (wie es in anderen Ländern üblich ist), mal abgesehen davon, dass ich einige tolerante und verständnisvolle Mitmenschen um mich herum habe, die mich nicht deswegen lynchen wollen, die Abtreibung hat mir die Tür zu meinem Wunschkind geöffnet. 

 

Ich verspüre unendliche Dankbarkeit, weil ich ohne diese Abtreibung nicht die 22-stündige Geburt meines Kindes erlebt hätte. Alles hat seine Zeit. Meine Fehlgeburt, meine Abtreibung und die Geburt meines geliebten Einzelkindes. Diese Geburt bleibt die eindrücklichste Erfahrung meines bisherigen Lebens. Als Schwangere wird man in unserer westlichen Gesellschaft gut und zum Teil auch bevorzugt behandelt. Meine neue Frauenärztin nahm sich viel Zeit und nahm mir viele Ängste. Das war gut für mich, denn ich war vollgeschwemmt mit vielen Ängsten. Erst im letzten Drittel der Schwangerschaft traute ich mich, erste Babyklamotten zu kaufen. Jeder Termin bei der Gynäkologin löste in mir Schweißausbrüche und eine ungute Nervosität aus. Ich war eigentlich dauerhaft angespannt während meiner Schwangerschaft. Viele Momente der Unsicherheit haben mich begleitet. 

 

Und dann war plötzlich ein neuer Mensch in meinem Leben. Ein Mensch, der alles von mir abverlangte, für den ich Kräfte mobilisiere, von denen ich nichts geahnt hatte. Ein Mensch, der so klein war, dass er auf einem Kopfkissen liegen konnte, der meine ganze Aufmerksamkeit rund um die Uhr einforderte und für den ich seit sechs Jahren alles aus mir heraushole an Energie und Mut und Überwindung und Toleranz, was nur geht. Ein Mensch, der mich Verantwortung, Zeit, Geld, Geduld, Kraft und ein bisschen Verzicht auf mich selbst kostet. 

 

Nichts ist so umwerfend, wie Leben zu schenken und zu gebären. Es ist göttlich, übernatürlich und doch so normal. Was nicht normal ist, ist das Gefühl, als Gebärmaschine reduziert zu werden. Frauen sind Menschen mit einem eigenen Willen, eigenen Gedanken und eigenen Wünschen. Sie müssen selbst entscheiden dürfen, ob sie Verantwortung, Zeit, Geld, Geduld, Kraft und Selbstverzicht für einen anderen Menschen aufbringen wollen. Das müssen sie einfach selbst entscheiden dürfen! 

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